Was Ihr über Sehnen wissen müsst

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Letztes Jahr September habe ich der erste Sport & Fitness Science Congress bei der Kölner Sporthochschule in Köln besucht: eine zweitägige Veranstaltung voll interessanten Interventionen und mit Promi-Wissenschaftlern wie Brad Schoenfeld und Alan Aragon.

Der Hauptgrund, warum ich den Kongress besuchte – abgesehen davon, ein Selfie mit Brad und Alan zu schießen – waren die Vorträge über die Sehnenphysiologie und –rehabilitation. Sie wurden von den Weltexperten der Universität Kopenhagen und von Frau Karin Silbernagel, internationale Forscherin und Physiotherapeuten, gehalten.

Was ich mir vom Congress vorgestellt hatte war, nette Leute zu treffen und einen gut gemachten Überblick über Themen, die ich schon kenne, zu erhalten. Meine Erwartungen wurden hier völlig übertroffen! Die netten Leute waren da und meine wissenschaftlichen Kenntnisse würden nicht nur ergänzt, sondern habe ich Einblicke in Paar neuen revolutionären Entdeckungen bekommen, die zukünftige Forschungsmöglichkeiten eröffnen.

Hier was ich mitgenommen habe.

Sehnen befestigen Muskeln an Knochen und Gelenken. Sie sind Verbindungsstrukturen und werden als „passive“ Strukturen bezeichnet. Die Muskeln sind dagegen „aktive“ Strukturen, weil sie die Bewegungen durchführen. Die kinetische Kraft wird mittels Sehnen von den Muskeln auf den Knochen übertragen und die Bewegung kann so stattfinden. So viel für die Anatomiebücher. Und in der Realität?

Erst in den letzten zehn Jahren wurden valide wissenschaftliche „Sehnenstudien“ durchgeführt. Sie haben gezeigt, dass unsere Sehnen wesentlich vielseitiger sind, als bisher angenommen. Sehnen übertragen ja die Kraft; sie speichern sie auch, wie eine Art Feder, und dämpfen die Wirkung abrupter Muskelkontraktionen ab. Sie tragen zu einem flüssigeren, koordinierten und optimierten Bewegungsablauf bei. Es handelt sich hier um eine automatische Feinsteuerung unseres Körpers. Wie wir unseren Sehnen anwenden ist jedes Mal verschieden und einzigartig: jede Bewegung wird individuell und präzis koordiniert und Variabel wie die Schwerkraft und interne und externe Scherkräfte werden auch mitberücksichtigt.

Sehnen bestehen aus Kollagen, das meist verbreitete Protein in Bindegeweben. Es existieren verschiedene Arten von Kollagen, mehr oder weniger stark und elastisch. Ein weiteres Element, dass Festigkeit und Elastizität des Kollagens beeinflusst, ist die Kollagenfasernverteilung, d. h. wie KOllagenfasern miteinander geflochten sind.

Wie fast alles im menschlichen Körper, verändert sich auch Kollagen ständig. Nach Bedarf wird es hergestellt, verwendet und recycelt. Am Ende einer langen Trainingseinheit wird elastischeres Kollagen hergestellt, um flüssigere und effektivere Bewegungen zu schaffen. Im Fall einer Bettlägerigkeit wird härter Kollagen hergestellt, weil hier weitere Bewegungen dem Körper unwahrscheinlich scheinen.

Eine Besonderheit der Sehnen ist, dass sie nicht „wachsen.“ Als unser Körper erwachsen wird – statistisch mit 17 Jahren – hören unsere Sehnen aufzuwachsen. Während Muskeln theoretisch kontinuierlich wachsen könnten – wenn Sie die richtigen Stimuli bekommen – bleiben die Sehnen für die ganze Lebensdauer fast identisch. Untersuchungen mit der C14-Kohlenstoffmethode haben gezeigt, dass wir mit unserem Lebensstil nur 5% unseres Sehnenwachstums beeinflussen können.

Wie entstehen Tendopathien? Hier ein gewöhnliches Beispiel. Wir haben vor kurzer Zeit – sechs Monate oder so – mit dem Klettern angefangen. Wir sind davon begeistert und klettern oft. Unsere Muskeln haben sich in kurzer Zeit angepasst, sie haben sich dafür spezialisiert. Wir fühlen uns stärker und unsere Bewegungen sind koordinierter und flüssiger geworden.

Leider ist das Ganze unseren Sehnen eine völlig unterschiedliche Geschichte. In Gegenteil zu den Muskeln, brauchen Sehnen wesentlich eine längere Zeit, sich an die neuen Reize anzupassen. Sie können einfach nicht mit der Muskulatur mithalten. Jetzt sind die Muskeln großer und schwerer geworden und es ist für die Sehnen sogar schwieriger geworden, die neuen Bewegungsabläufe einwandfrei zu übertragen. Sie beginnen darunter zu leiden. Was passiert danach? Richtig, wir bekommen eine fette Tendopathie!

Ihr könntet jetzt als Einwand sagen, dass Eure Finger mit dem Klettern dicker geworden sind und dass Ihr von einem Sehnenwachstum ausgegangen seid.
Würden wir Eure „dick“ gewordene Finger tatsächlich messen, würden wir feststellen, dass es hier um die 5%-Anpassung geht, die wir selber beeinflussen können. Subjektiv scheint es viel mehr, weil nicht so viel Freiraum im Fingerinnere gibt und die Fingerstrukturen sich gegenseitig drücken. Im Gegenteil dazu wachsen andere Muskeln wie den Bizeps „barrierefrei“: sie haben Freiraum nach „oben“.
Bei den Fingern ist es leider anders: in wenigen Quadratzentimetern muss es Platz für Knochen, Bänder, Gelenke, Sehnenscheiden, Blutgefäße, Nerven und viele anderen Strukturen geschafft werden. Eine 5%-Vergrößerung ist schon enorm!

Zurück zur körperlichen Anpassung an das Klettern. Es gibt doch eine Fingerstruktur, die tatsächlich großer wird: unsere Fingerknochen. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dazu, dass Aktivitäten wie Klettern oder Klavierspielen Gelenkverschleiß verursachen und das Arthroserisiko erhöhen. Allerdings wurde es gezeigt, dass solche Aktivitäten den Raum zwischen den Gelenken verkleinern. Diese Verringerung führt zu einer funktionellen Knochenverdickung als Kompensationsmechanismus.

Beim Kongress wurden auch die jüngsten Ergebnisse zum Thema Sehnenalterung präsentiert. Die Hoffnung ist groß! Unsere allgemeine Kollagenmenge verringert sich mit dem Alter aber die interne Fasernstruktur organisiert sich ständig neu. Dadurch wird der Alterungsprozess minimiert und die mechanischen Eigenschaften bleiben erhalten. Wenn wir ein Leben lang klettern und gesund und unverletzt bleiben, unterstützen uns unsere Sehnen weiterhin beim Klettern.

Es existieren dann sehr interessante Molekülen, die wir gerade anfangen zu forschen. Sie werden AGE, “Advanced Glycation End-Produkte” genannt. Sie bestehen aus Proteine und Fette, die sich mit Zuckermolekülen verbinden. Sie scheinen einen sehr guten Indikator des Alterungsprozesses zu sein, weil sie kurz vor der Entstehung einer chronischen Krankheit erhöhte Werte aufweisen. Sie werden vermehrt in „alten“ Geweben und Organen gefunden. Es geht hier nicht um eine reine Korrelation, sondern wurde es festgestellt, dass AGE – zumindest zum Teil – das Alterungsprozess verursachen. Das gilt auch für unsere Sehnen. Eine Ansammlung von AGE vermindert die Sehnenelastizität, weil es für die Kollagenfasern schwieriger wird, aufeinander zu gleiten.

Es wird noch geforscht, wie wir die AGE-Entstehung verhindern können und was für Therapien angesetzt werden können.

Und hier eine wichtige Anmerkung! Wenn wir von Sehnen-Studien sprechen, sprechen wir von Studien über die Achillessehne, die Quadrizeps- und Kniescheibensehnen. Es wurde in den letzten Jahren angefangen, die Schulter- und Ellenbogensehnen zu forschen und es wurde noch keine wissenschaftliche Untersuchung der Handsehnen durchgeführt. Es ist sehr schwer, diese kleinen Strukturen zu untersuchen. Wissenschaftler geht davon aus, dass alle Sehnen im Körper sich ähnlich verhalten und dass die einzelnen Unterschiede mehr mit der eigenen Länge und mit den Scherkräften zu tun haben.

Ja, genau, 80%-90% davon, was wir über Tendopathien wissen, betrifft die unteren Extremitäten. Die Forschung ist bei Sehnen noch ganz am Anfang. Uns erwarten noch spannende Entdeckungen!

Dieser Artikel ist eine freie Überarbeitung folgender Vorträgen vom 24. September 2016 vom Sport Science & Fitness Congress, Deutsche Sporthochschule Köln:

Michael Kjaer – Tendon physiology, overuse and injury treatment. From laboratory to clinic
Lauri Stenroth – Tendon’s role in sports performance
Christian Couppé – Human tendon and aging
Karin Silbernagel – How to maintain tendon health

Dieses Jahr wird der Sport Science & Fitness Congress wieder in Köln stattfinden. Christian Couppé und Karin Silbernagel werden vor dem Congress einen 2-tägigen Sehnenworkshop mit praktischen Untersuchungs- und Rehabilitationseinheiten anbieten. Klingt interessant!

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